Liebe, die verschwenderisch schenkt | Markus 14, 1 - 9
- 05.04.2020 -
Palmsonntag
Was nach Verschwendung aussieht, kann Ausdruck großer Liebe sein. Kurz vor seiner Passion wird Jesus in Bethanien mit kostbarem Öl gesalbt. Während andere über den materiellen Wert diskutieren, verteidigt Jesus die Frau und ihre außergewöhnliche Tat. Pfarrer i. R. Martin Rösch verbindet die Geschichte mit einer Frage, die bis heute aktuell ist: Wie können wir unsere Liebe zu Jesus zeigen, wenn wir ihn nicht sichtbar vor uns haben?
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Kurz vor seinem Leiden ist Jesus in Bethanien zu Gast. Eine Frau öffnet ein Gefäß mit kostbarem Nardenöl und salbt Jesus. Einige halten das für Verschwendung. Jesus dagegen sagt: „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“
Pfarrer i. R. Martin Rösch verbindet diese Geschichte aus Markus 14 mit der Frage, wie wir Jesus heute unsere Liebe zeigen können. Eine Antwort lautet: indem wir tun, was Jesus uns aufgetragen hat – zum Beispiel Barmherzigkeit zu leben und für andere Menschen da zu sein.
Der Gottesdienst entstand am Palmsonntag 2020 in einer besonderen Zeit, in der Gottesdienste nicht gemeinsam in der Kirche gefeiert werden konnten. Gedanken von Dietrich Bonhoeffer über christliche Gemeinschaft, Gebet und ein zuhause mitgefeiertes Abendmahl gehören deshalb ebenfalls zu dieser historischen Aufnahme.
- Bibeltext: Markus 14, 1 - 9
- Pfarrer i. R. Martin Rösch
- Palmsonntag, 5. April 2020
Predigt „Liebe, die verschwenderisch schenkt“ - Markus 14, 1 - 9
(5. April 2020, Pfarrer i.R. Martin Rösch, Evangelische Kirche Steinen)
Jesus in Bethanien
Nun begleiten wir Jesus bei einer Begegnung in Bethanien, einem Dorf am östlichen Abhang des Ölbergs.
Dort hat Jesus Freunde, unter ihnen Maria und Marta mit ihrem Bruder Lazarus. Ihn hat Jesus vor Kurzem aus dem Grab heraus vom Tod erweckt.
Bethanien ist für Jesus in dieser Zeit ein Rückzugsort, ein Ort, der ihm Schutz vor den Nachstellungen seiner Gegner gewährt. Noch ist die Stunde für ihn nicht gekommen, sich ihnen auszuliefern.
Predigttext: Markus 14, 1 - 9
Der Evangelist Markus berichtet:
Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.
Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das zu ihrem Gedächtnis sagen, was sie jetzt getan hat.
Ein kostbares Geschenk
Simon der Aussätzige ist der Gastgeber für Jesus und seine Jünger. Wir dürfen annehmen, dass Simon von seinem Aussatz bereits geheilt ist, dass die Krankheit an seinem Aussehen jedoch Spuren hinterlassen hat.
Simon hat auch seine Nachbarn, die Geschwister Lazarus, Marta und Maria, eingeladen.
Als sich die geladenen Gäste allmählich im Haus Simons sammeln, ist man hocherfreut darüber, dass auch Lazarus dabei ist. Er ist wieder unter den Lebenden. Auf die Bitte seiner beiden Schwestern hat Jesus diese große Tat gewirkt.
Maria, die von Liebe und Dankbarkeit zu Jesus überströmt, kann sich nicht mehr halten.
In einem Alabasterfläschchen hat sie kostbares Nardenöl mitgebracht. Alabaster ist ein gipsähnliches Material, das man im Altertum gerne für die Aufbewahrung teurer Flüssigkeiten verwendet hat. Nardenöl war besonders kostbar und wurde aus Asien importiert.
Ein solches Alabasterfläschchen habe ich mitgebracht. Es ist ein Andenken an einen Aufenthalt mit meiner Frau in Volterra in der Toskana. Dort wird Alabaster schon seit der Zeit der Etrusker und Römer verarbeitet.
Zur Zeit Jesu unterhielten die Römer schnelle Schiffsverbindungen zwischen dem heutigen Italien und den Provinzen ihres Reiches am östlichen Ende des Mittelmeers. Von daher ist es gar nicht so abwegig, dass auch ein solches Fläschchen für kostbares Öl seinen Weg bis nach Bethanien gefunden hat.
Liebe oder Verschwendung?
Das Fläschchen ist oben mit Wachs versiegelt. Maria bricht kurzerhand den Hals ab.
Sie geht zu Jesus und gießt das wohlriechende Salböl über ihn. Das Haus wird vom Duft des Öls erfüllt.
Für Maria ist es ein Ausdruck ihrer Dankbarkeit und ihrer Liebe Jesus gegenüber, der ihr ihren Bruder zurückgegeben hat.
Doch durch die Reihen der Jünger geht der Protest:
Verschwendung!
Im Johannesevangelium wird besonders Judas Iskariot erwähnt:
Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?
Jesus, der selbst ein karges Leben gewohnt ist, sieht in Marias Tat dagegen eine Geste der schenkenden Liebe. Er will nicht, dass sie durch die Kritik der Jünger in Verlegenheit gebracht wird.
Er sagt:
Lasst sie in Frieden.
Und:
Die Armen habt ihr immer bei euch. Mich aber habt ihr nicht immer bei euch.
Maria hat getan, was sie konnte.
Wie können wir Jesus heute unsere Liebe zeigen?
Wir erleben es gerade in diesen Tagen und Wochen, dass wir Jesus nicht sichtbar bei uns haben.
Ihn wertschätzen, ihn lieben, das können wir als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger heute dennoch tun.
Wir können es dadurch tun, dass wir das tun, was er uns aufgetragen hat.
Dazu gehört beispielsweise dieser Auftrag:
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Barmherzigkeit üben. Heute.
Was kann das praktisch bedeuten?
Eine Klassenkameradin von mir aus meiner Gymnasialzeit hat über Jahre gemeinsam mit ihrem Ehemann Barmherzigkeit gelebt. Die beiden nahmen eine Frau, die nach einem Unfall behindert und auch sprachlich eingeschränkt war, als neues Familienmitglied bei sich auf.
Diese Frau brauchte viel Betreuung.
Auf die von vielen Eltern geschätzte Freiheit, nachdem die eigenen Kinder das Haus verlassen haben, verzichtete dieses Ehepaar. Das neue Familienmitglied wurde für die beiden beinahe wie ein weiteres Kind.
Inzwischen ist diese Frau von Gott zu sich gerufen worden.
Von dieser Geschichte habe ich erst später erfahren. Das hat mit meiner früheren Gemeinde zu tun. Vor einigen Jahren hatte meine ehemalige Klassenkameradin von mir geträumt, ohne zu wissen, ob ich überhaupt noch am Leben war.
Daraufhin forschte sie im Internet nach mir und stieß genau auf jenen Gemeindebrief, in dem meine Frau und ich unseren bevorstehenden Wechsel nach Südbaden angekündigt hatten, dorthin, wo auch sie mit ihrer Familie lebt.
Davon, dass sie in jungen Jahren den Entschluss gefasst hatte, Jesus nachzufolgen, hatte ich damals nichts gewusst.
Unser Wiedersehen nach Jahrzehnten war bewegend.
Barmherzigkeit leben
Barmherzigkeit leben: Das ist gerade in schwierigen Tagen und Wochen gefragt.
Barmherzigkeit kann heißen, alten Freunden und alten Weggefährten nach langer Pause wieder einmal einen Brief zu schreiben.
Wir können ihnen eine E-Mail schicken. Wir können versuchen, sie über WhatsApp zu erreichen. Wir können sie anrufen.
Mag sein, dass unsere Barmherzigkeit beim einen oder anderen Gegenüber am Telefon besonders herausgefordert wird.
Vielleicht wollen Menschen, mit denen wir wieder Kontakt aufnehmen, sehr lange mit uns reden, länger als es uns lieb ist.
Vielleicht sehnen sie sich einfach danach, sich aussprechen zu dürfen.
Sie sind einsam.
Machen wir es so, wie Jesus es uns aufgetragen hat:
Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.
Gemeint ist der himmlische Vater, der Vater Jesu Christi, der auch unser Vater ist.
Amen.